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News vom Marketing-Club Neckar-Alb
Reutlingen oder das Rätsel der Liebe
MCNA vor Ort // Juni 2026
Wo lässt es sich am besten über das Image Reutlingens sprechen? Klar, in Tübingen, denn dort sitzt mit Die Kavallerie, die Agentur, von der die viel beachtete und preisgekrönte "Nur Lieben"-Kampagne für die Achalm-Stadt stammt - und außerdem gab es dort in der zweiten Juni-Woche durchgehend Strom.
"Wenn ich Reutlingen in den Nachrichten höre, zucke ich zusammen", setzte Club-Vizepräsident Roland Bertler, selbst gebürtiger und bekennender Reutlinger, gleich in seiner Begrüßung einen inhaltlichen Ausgangspunkt für Gastgeber Mark Pelzer und "Stargast" Anna Bierig, Geschäftsführerin des Stadtmarketings. "Für den Reutlinger ist das Glas immer halb leer", ließen die beiden den Oberbürgermeister Thomas Keck in einem Video-Einspieler klagen. Kampagne und neue Stadtmarke sollen dies ändern.
Vielen Reutlingern sei nicht bewusst, was sie an ihrer Stadt haben, weswegen bereits 2017, also fünf Jahre bevor sie selbst von der Nagold an die Echaz wechselte, ein Markenentwicklungskonzept eingeleitet wurde. Das Kommunikationskonzept steht seit 2023. Die Kavallerie erzielte mit ihrem Pitch für die Kampagne kurz vor Weihnachten eine Punktlandung, wie Bierig lobte. Selbstironisch in der Tradition von Ostfriesenwitzen und Bielefeld-Verschwörung nahmen die Plakate Beschwerden von Einwohnern über Staus und abends hochgeklappte Bürgersteige auf und verpackten diese in eine zweiteilige Aktion, die zum Stadtfest 2024 aufgelöst wurde. Bierigs Lieblingsspruch: "Was hat die Schwäbische Alb verbrochen, dass man ihr Reutlingen vor die Füße gebaut hat?" Als dann schließlich der Claim "Reutlingen kann man nicht mögen" mit "nur Lieben" und dem QR-Code zur Online-Präsenz ergänzt wurde, verbuchte Bierig über 200 Millionen Kontakte, einen Mediawert von 4,5 Millionen Euro und hatte dazu einen unbezahlbaren "Lieblingsfreund beim Frühstücksfernsehen".
"Wir wollten der Stadt ein Rätsel aufgeben", erklärte Pelzer die Idee der Agentur, mittels Stadtgesprächs das Bruddel-Mindset zu knacken. Die Stadtmarke basiere auf den Stärkenfeldern "attraktive Lage", "Erlebnis Innenstadt" und "starker Wirtschaftsstandort" und solle nach einiger Laufzeit international Gäste und Fachkräfte ansprechen. Zunächst gelte es aber, die eigenen Bürger zu Fans und Markenbotschaftern zu machen, was laut Bierig zunehmend gelinge; Über 400 Reutlinger und Reutlingerinnen hätten bereits im Portal des Stadtmarketings ihre eigenen Liebesgeschichten zur Stadt erzählt. Authentizität gehe dabei vor Hochglanz. KI-Generatoren für Textbausteine und Varianten des Herz-Logos seien für Unternehmen, Vereine und Initiativen online verfügbar, lud Bierig zum Mitmachen ein - "besonders wenn Sie eine Immobilie in der Innenstadt haben", gab die StaRT-Chefin zu verstehen, dass beim Thema Leerstand die Kommune nur begrenzten Einfluss habe. Bei allen Zuneigungsbekundungen gelte es aber weiterhin, dass die Einwohnerschaft "mehr zu schätzen lernt, was man hat", und die 13 Bezirke zwischen Dorf und Großstadt in ihrer Unterschiedlichkeit die Dachmarke nutzen. Aus Einwohnersicht ist das Potenzial für den emotionalen Heimatbezug in den Teilorten jedenfalls gegeben, beispielsweise heißt es schon lange: "Nichts ist geiler als Bronnweiler."