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News vom Marketing-Club Neckar-Alb

Die kulturelle Kirche im Dorf

MCNA Sommerlounge // Juli 2025

Theater wegen Brandschutz, Nutzungsvorschriften oder der Lüftung hatten sicherlich schon viele Club-Mitglieder erlebt, besonders wenn sie ein altes Fabrikgebäude im Wohngebiet betreiben. Dass es einer Anstalt des öffentlichen Rechts nicht anders geht, vermittelte Thorsten Weckherlin eindrücklich bei der Sommerlounge im Landestheater Tübingen.

Wer bei der Führung in der Gruppe mit Verwaltungsdirektorin Dorothee Must unterwegs war, lernte sicherlich viel Wissenswertes über den Spielbetrieb und bekam ausreichend Einblicke in Räume und Technik unter, hinter und über den Bühnen. Bei der Vielzahl an Kooperationen und Projekten mit lokalen Gruppen aus Schulen, Universität und der Nachbarschaft, die Must aufzählte, wurde schnell klar, dass auch außerhalb des eigentlichen LTT-Programms immer etwas los ist und es jeden Tag etwas anderes zu sehen gibt. Intendant Weckherlin, bezeichnete sein Haus denn auch als die "kulturelle Kirche im Dorf". Er gab bei seiner ausgiebigen Führung rund um die Bretter, die die Welt bedeuten - diese sind übrigens aus schraubenfreundlicher Fichte und werden alle zwei Jahre verschleißbedingt ausgetauscht - den mittelständischen Arbeitgeber einer Belegschaft, in der 118 Menschen dem 21-köpfigen Schauspielensemble zuarbeiten. Und das bei 20 eigenen Premieren pro Saison im Dreischichtbetrieb. "Mit Work-Life-Balance kommt man da nicht weit", erläuterte Weckherlin die eng getakteten Zeitpläne für Proben, Bauten, Aufführungen und die Auswärtsfahrten. Bei einer solchen hatte übrigens auch Club-Schatzmeister Thilo Schmid, selbst als Reutlinger Kreissparkässler mit alter Bausubstanz und der Rechtsform als Anstalt vertraut, den Kontakt zum Theatermacher geschlossen. Genauer gesagt bei einem Projekt im Zwiefalter Teilort Upflamör, einigermaßen hoch auf der Alb, wo die Postleitzahlen mit 8 anfangen. Dort hatte das LTT laut Weckherlin sämtliche Einwohner mit einbezogen.

Über Amateure voll des Lobes, mochte sich Weckherlin ein wenig Nachwuchsschelte beim Gang durch Garderoben und seiner Meinung nach luxuriöse Bereitschaftsräume - "da schauen die Schauspieler dann auf dem Großbildschirm Netflix bis sie wieder dran sind und wir müssen das bezahlen" - nicht verkneifen: "Da kommen manche von der Schauspielschule und wundern sich, dass bei uns am Wochenende gearbeitet wird." Gewerkschaft, Arbeitsschutz, Pausenzeiten - Weckherlin inszenierte seine Döntjes mit lustvoller Polemik als immerwährenden Kampf gegen bürokratische Hemmnisse künstlerischer Schaffenskraft. Bei der gescheiterten Zusammenlegung von Werkstätten mit der Reutlinger Tonne redete er sich geradezu in rampenreife Rage. Wobei ihm die Handwerkskunst sichtbar am Herzen lag. Ob maßgeschneiderte Kostüme, Masken oder Schlosserei, überall wo mit der Hand am Arm gearbeitet wird, zeigte sich Weckherlin von seinen Teams besonders begeistert. "Wir sind selber Ausbildungsbetrieb", betonte Weckherlin - und schrieb dem kreativen Flair anziehende Wirkung zu: "Es ist dann doch etwas anderes, in unserer Schreinerei zu lernen."

Im Bezug auf das Schauspielensemble wählte Weckherlin nicht ganz so warmherzige Worte: "Als ich vor elf Jahren Intendant wurde, habe ich erstmal alle rausgeschmissen. Wenn ich nächstes Jahr aufhöre, wird das wohl nicht so sein. Wertschätzung, das ist jetzt der Style." Den glatten Umbruch begründete er allerdings nicht mit darstellerischer Qualität sondern mit unerwünschten "unbewussten Absprachen", die sich mit der Zeit in einem Ensemble einschliffen. Üblicherweise hätten die Mimen anfangs Zweijahresverträge, die dann je nach Verhandlung verlängert werden oder eben auslaufen. Acht von denen, die mit Weckherlin anfingen, sind aktuell noch in Tübingen engagiert. Fast durchgängig blieb Weckherlin seiner Rolle als Manager aus früheren (Vor-Corona-)Zeiten treu, zum Beispiel als er in einem Probenraum auf nachträglich eingebaute Umkleidekabinen deutete. "Die jungen Leute kennen von ihrem Handy jede Spielart, werden aber immer verklemmter. Hier muss ich jetzt einen teuren Intimitätscoach anstellen, wenn auf der Bühne geküsst wird. Romeo und Julia mit Mundschutz, aseptisches Theater, das geht nicht." Dass früher nicht alles besser war, illustrierte er am Ablauf eines "Übernachters", einer Aufführung mit langer Reisezeit. Touren seien nach wie vor anstrengend und auch ein Grund für die Fluktuation. Doch während nach wie vor eine Herausforderung weiterhin dahin bestehe, das Bühnenbild für den Transport auf dem Lastwagen anzupassen, sei der nächtliche Alkoholkonsum im Hotelzimmer am Spielort wesentlich zurückgegangen, sagte der Theater-Boss ganz frei von Nostalgie.

Nach der Führung von mit Requisiten vollgestopften Kellerräumen bis zur inoffiziellen Raucherecke auf dem Dach - Weckherlin befürchtet nach eigener Aussage bei einem kompletten Qualmverbot vor allem Ärger mit den Mitarbeiterinnen - gab es zwischen Vorspeise und Hauptgang im LTT-Lokal noch einen Einblick in eine laufende Probe auf der Werkstattbühne. Jennifer Kornprobst bewies rund zwei Monate vor der Premiere am 27. September, wie tief sie die enorme Textmenge des Einpersonenstücks "Die Katze Eleonore" bereits verinnerlicht hatte. Auf die Frage von Club-Präsident Christoph Koppensteiner nach einer speziellen Memotechnik empfahl die Schauspielerin, sich beim Lernen zu bewegen und sich nicht abzukapseln - "bei mir geht das besonders gut in einem Café, wo es Leute gibt."