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News vom Marketing-Club Neckar-Alb
Aus Tradition mit der Tradition brechen
MCNA // November 2025
"Sonst schaue ich nicht in so viele bärtige Gesichter," wunderte sich Nicolas Lindner, als er beim Club-Abend in Metzingen vor ein für ihn ungewohnt zusammengesetztes Publikum trat. Nach kurzer Markterkundung konnte der Geschäftsführer des Calwer Naturkosmetik-Herstellers Annemarie Börlind dann aber doch sicher sein, dass Zuhörerinnen und auch Zuhörer einige praktische Erfahrung mit seinen Produkten ins Sparkassen Forum mitgebracht hatten.
Eine Firmengeschichte über drei Generationen hatte Club-Präsident Christoph Koppensteiner in seiner Anmoderation angekündigt und daraus wusste Lindner reichlich zu erzählen: Von den Anfängen seiner Großmutter Annemarie Lindner, die nach schlechten Erfahrungen mit den üblichen "rabiaten" Behandlungsmethoden von Hautproblemen in der Nachkriegszeit auf Rezepte aus einem Kräuterbuch setzte. Vom "Rübermachen" aus der DDR in den Westen, als Ende der 50er-Jahre Annemarie und Walter Lindner vor einer abermaligen Enteignung durch den Staat standen. Vom weiteren Aufbau der Marke durch Michael Lindner, bis es ihr im "geschützten Kanal Reformhaus" zu eng wurde und Börlind in die Parfümerien vorstieß. Und auch von der Übergabe an die jetzige Generation an der Unternehmensspitze, die "kurz bevor das Corona-Chaos losging" in Verantwortung kam. "Meine Schwester Alicia und ich mussten auf Sicht fahren. Auch das ist eine Form von Agilität." Als in der Folge der damalige Vertriebspartner in den USA wegbrach, “hat Alicia dort unsere Niederlassung aufgebaut - gestern war sie in Dallas, heute ist sie in LA.”
Agilität war das Stichwort, das durch Lindners gesamten Vortrag widerhallte. Besonders hob er dabei den Mut zur Veränderung Walter Lindners hervor, der im Alter von 61 Jahren noch einmal einen unternehmerischen Neuanfang im Zusammenschluss mit dem Nahrungsergänzungsmittel-Fabrikanten Hermann Börner gewagt habe. Dass der Großvater in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig im Schatten seiner Gattin mit dem "einnehmenden Wesen" gestanden habe, war vielleicht auch durch die Branche bedingt. Auf "fünf Prozent Umsatz mit Männerprodukten" bezifferte Lindner die Nische, die Börlind zwar mittlerweile mit schwarzen Hyaluron- Augenpads und Schauspieler Matthias Schweighöfer als Testimonial erweitert. Wie die nicht repräsentative Stichprobe nach dem Vortrag belegte, sind es aber nach wie vor überwiegend die Frauen, die ihre Finger in den Tiegel dippen.
Auf "Klara", die 43jährige Persona, die sich selbst gerne in der Natur bewegt, in Social Media aktiv ist, aber auch noch in klassischen Publikumszeitschriften blättert, kam Lindner ebenfalls zu sprechen. Auf die Vertriebswege, die er für sein Unternehmen für geeignet hält, ging er ausführlich ein: Wegen der angemessenen Beratung komme Selbstbedienung nicht in Frage, zumal sich die Preisspanne der einzelnen Börlind-Produkte von 25 bis 150 Euro erstrecke. Wobei er noch erklärte, dass neben der Tagespflege zusätzlich die Nachtcreme notwendig sei, "für Schutz und Regeneration". Beim Thema Apotheken räumte Lindner ein, dass dieser Kanal weitgehend vom Wettbewerb besetzt wurde, als sich Börlind noch auf die Reformhäuser beschränkte. Letztere seien indes rar geworden, teils wegen Nachfolgeproblemen, teils weil Bio mittlerweile selbstverständlich im Discounter ist. Als Agilität eines Familienunternehmens definierte Lindner denn auch die Beweglichkeit, sich stets ändernden Gegebenheiten anzupassen, ohne langfristige Ziele aus den Augen zu verlieren. So berichtete er am Schluss von einem "Shitstorm", ausgelöst durch einen Konflikt mit einer ehemals kooperierenden Influencerin und heutigen Marktbegleiterin. Über viele Stunden hätten demnach Nicolas und Alicia Lindner die "LinkedIn-Blase" persönlich beruhigt. Und er erzählte von der Beharrlichkeit seines Vaters Michael Lindner, der mehr als zwei Jahrzehnte darauf hingearbeitet habe, die Familie Börner aus dem Unternehmen herauszukaufen.