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rückblick

MAI 2019 _ Landesmesse Stuttgart

Eine Messe im digitalen Zeitalter

"Ich gehe nicht mehr auf die Messe. Da kommen immer weniger Besucher." Mit dieser Aussage, die er nach eigenem Bekunden immer öfter von anderen Unternehmern hört, leitete Alt-Präsident Hans Steiner den Club-Abend im Mai auf der Landesmesse Stuttgart ein. Ob Messechef Ulrich Kromer von Baerle erst dieser verbale Schubser Schwung gab, soll dahingestellt bleiben. Bei der Antwort auf Steiners Eingangsfrage, ob die Messe ein "Zukunfts- oder Auslaufmodell" sei, kam er jedenfalls schnell in Fahrt.

So komplett jede Grundlage schien Steiners Provokatiönchen beim Blick in die relativ übersichtliche Runde nicht zu entbehren. Doch konterte Kromer gleich mit Grundsätzlichem, dass die Messe Geld und Aufwand wert sei: "Wir sind überzeugt, denn wir Menschen bleiben Menschen. Wir haben das Bedürfnis, miteinander zu Reden. Das machen Sie heute abend ja auch. Lassen Sie also ihre Mitarbeiter auf Messen gehen, das ist das beste Instrument, um an Informationen zu kommen." Wie dieses "Instrument" derzeit in Stuttgart auf neue digitale Anwendungen weiterentwickelt wird, war dann das Kernthema der Veranstaltung.

"Es herrscht eine gewisse Desorientierung", konstatierte Kromer und illustrierte den Digitalisierungsprozess im laufenden Betrieb mit einem Foto vom Verkehrschaos, das die Stockholmer Innenstadt 1967 nach der Umstellung von Links- auf Rechtsverkehr verstopfte. Wechselnde Parameter im laufenden Betrieb mit jährlich bis zu 70 Veranstaltungen führten bei der Messegesellschaft zu einer geänderten Vorgehensweise: "Wir fangen damit an, mehr über den Nutzer nachzudenken als über das Produkt."

Den digitalen Wandel gliederte Kromer in drei große Themenfelder: So gelte es, Stichwort Arbeitgebermarketing, den Mitarbeitern Freude an der Arbeit zu vermitteln. "Das kann auch Spaß machen, wenn es in eine ganz andere Richtung geht", wollte Kromer die Lust auf Veränderungen nicht unterschätzt wissen. Wichtig sei dabei aber eine "offene Wissenskultur: Ein Unternehmen lebt davon, dass man miteinander kommuniziert." Mit Intranet und Chats intensivierten die Messe-Mitarbeiter ihren Informationsaustausch. Wovon die Gäste vom Club selbst berührt sein könnten, umriss Kromer mit den Schlagwörtern "Kundenerlebnis" und "Service", die bald von digitalen Anwendungen - vor allem für das Smartphone - geprägt und durchdrungen sein sollen.

Wie es sich für eine Messe gehört, zeigte Kromer mehr von dem, was kommt, als das, was es schon gibt. So sollen künftig für die Besucherbewegungen zu, an und von jedem Stand eine Art Heatmap erstellt werden können. Woher kommen Besucher, wo verweilen sie beim Aussteller und wo zieht es sie anschließend hin? Alles selbstverständlich anonymisiert und datenschutzkonform, wie Kromer versicherte. Dem Orientierungsbedarf auf großen Schauen will die Messe mit Augmented Reality entgegenkommen. In Ergänzung mit den elektronischen Displays in den Hallen können sich Besucher Zusatzinformationen auf ihren Mobilgeräten anzeigen lassen. Interessant sei in dieser Hinsicht so ziemlich jede Anwendung, die auf den Bildschirm eines Smartphones passe. Möglichkeiten auszulassen komme schon alleine wegen des Konkurrenzdrucks der Messestandorte nicht in Frage. Deren Verhältnis charakterisierte Kromer wie folgend: "Wir pflegen den freundschaftlichen Umgang miteinander und gönnen uns gegenseitig nicht die Butter aufs Brot." In der Branche sei es indes durchaus üblich, dass Ideen nicht funktionierten - „das kann man erst sagen, wenn die Messe dreimal gelaufen ist - oder sich Konzepte überlebten. Hier verwies Kromer auf das Ende der Cebit in Hannover, welches er nicht zuletzt darauf zurückführte, dass die IT-Industrie nicht mehr das nötige gemeinsame Interesse dafür aufgebracht habe, auch wegen der disruptiven Geschäftsmodelle auf der Basis digitaler Entwicklungen. Zweifeln an der rentablen Expansion der Stuttgarter Messe, die Steiner angesichts brach liegender Flächen in Hannover geäußert hatte, begegnete Kromer mit einem Verweis auf die völlig unterschiedlichen Dimensionen der beiden Standorte.

Auf dem neuesten technischen Stand zu sein, gelte für die Messe Stuttgart bereits bei der Vorbereitung: Derzeit werde der gesamte Leistungskatalog der Messe digitalisiert und darüber hinaus ein kompletter Organisationsablauf für die Messeaussteller erstellt. Planungen, Abläufe, Termine und Bestellungen in einer App zusammengefasst: Dies bringe nicht nur mehr Übersichtlichkeit und weniger doppelt und dreifach ausgefüllte Formulare, sondern biete auch die Möglichkeit, den Kunden Vorteile zusammenhängender Dienstleistungen näher zu bringen, die sich in einem Wust von Prospekten nicht so klar herausarbeiten ließen. Als ein Beispiel nannte Kromer den online zu ordernden Express-Lieferservice bis zum Stand, dessen "interessantestes Produkt", wie er es umschrieb , "die Schachtel Zigaretten für 50 Euro" sei. In gesundheitsbewussten Zeiten könnte dieses Angebot als Ausstiegshilfe für Nikotinsüchtige oder als unkonventioneller Präventionsansatz gewertet werden, zumal die Messegesellschaft  Eigentum der öffentlichen Hand ist und es laut Kromer auf dem Messegelände keinen einzigen Kippenautomaten gibt. Vielleicht ist es aber auch ein in Geldwert nicht zu bezifferndes Überbleibsel aus der analogen Ära: Menschen zünden ein Feuerchen an und kommen dabei miteinander ins Gespräch. 

Hintergrund:
Was genau ist das eigentlich, die digitale Transformation? Was bedeutet Sie konkret für Unternehmer und Unternehmen? Digitalisierung und Industrie 4.0 sind die Schlagworte, die unseren Alltag mittlerweile prägen. Fast immer geht es dabei um die Vernetzung, intelligente Systeme, Datenverfügbarkeit und das Zusammenspiel von Mensch und Maschine.

Digitalisierung darf aber nicht nur technisch betrachtet werden. Sie hat eine für Unternehmenrelevante gesellschaftliche Komponente: Die Erwartungshaltung der Kunden an ein Unternehmen hat sich im digitalen Zeitalter grundlegend verändert. Sie erwarten ein gutes digitales Erleben - rund um die Uhr, an allen Orten der Welt und an allen Touchpoints, die ein Unternehmen bietet.

Ulrich Kromer von Baerle, seit 2001 Geschäftsführer der Landesmesse Stuttgart GmbH und Sprecher der Geschäftsführung, wird am Beispiel des Dienstleistungsunternehmens Messe die Strategien auf dem Weg ins digitale Zeitalter mit neuen Geschäftsmodellen aufzeigen. Er wird zudem konkrete Beispiele aus dem operativen Plan vorstellen und erläutern, wie die Messe ihren Kunden ein gutes digitales Erleben bieten möchte.

Die Club-Mitglieder haben an diesem Tag die Möglichkeit, vor der Veranstaltung an der "T4M – Fachmesse für Medizintechnik" teilzunehmen. Bitte tragen Sie im Feld "Bemerkungen" ein, ob Sie an der Messe teilnehmen möchten. Die Teilnehmerzahl ist aus Platzgründen auf 65 Personen begrenzt.

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