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rückblick

JULI 2017 _ Kulturdenkmal Zehntscheuer und Museumsgarten Betzingen

Sommerlounge 2017

Von Holz-Chirurgen und Zedern-Brettchen

Die Sonne warf  bereits lange Schatten, dennoch zückte er den Eichenpflock  und führte die Gruppe hinter die alten meterdicken Mauern. Blutig ging es bei der Sommerlounge 2017 des Marketing-Clubs Neckar-Alb trotzdem nicht zu: Architekt Jochen Schmid zeigte mit einem Holznagel in der Hand lediglich ins restaurierte Dachgebälk  der Betzinger Zehntscheuer  und anschließend servierte der Grillschule-Rektor  Fritz Haux das Entrecôte saftig rosa vom Rost.

Wenn die Umschreibung  als angenehme  familiäre Atmosphäre jemals irgendwo gepasst hat, dann an dem  Juli-Abend im alten und doch frisch hergerichteten Betzinger Ortskern. Das lag nicht allein an der Ausrichtung als Partner-Veranstaltung. Club-Präsident Hans Steiner dröselte weitere Familienbande auf:  Am Schlagzeug ihres Swing Trios sorgte Iris Oettinger, Schwester von Club-Mitglied Hans Ulrich Schwenk, für den Lounge-Sound. Club-Schatzmeister Thilo Schmid hatte indes seinen Bruder nicht nur für den Fachvortrag zum 1533 errichteten und ab 2006 restaurierten Kulturdenkmal verpflichtet, sondern auch noch für die Vorbereitungen eingespannt. 

Extraschichten an der Zehntscheuer war Jochen Schmid indes schon gewöhnt, allein den Aufwand an Eigenleistungen, den der Förderverein Ortskern Betzingen e.V. während der zweieinhalbjährigen Bauphase in das Bürgerhaus und seinen Funktionsanbau gesteckt hatte, bezifferte er auf rund 10.000 Arbeitsstunden. Bevor es „mit Zahnbürsten an die Steine und mit Drahtbürsten an die Holzbalken“ ging, sei Überzeugungsarbeit zu leisten gewesen: „Erstmal hat keiner kapiert, was daran erhaltenswert sein soll. Die Zehntscheuer war ein Lager für Dreck und Spinnweben“, erklärte Schmid die Ausgangslage, in der sich der Verein formierte. Mit entscheidend für das gesamte Konzept sei es gewesen, den Raum in seiner gesamten Größe zu erhalten. So kamen Küche und Sanitärtrakt in den roten Neubau nebenan und die Verbindung mit dem verglasten Eingang schuf zusätzlichen Raum. Davon profitiert nicht nur die Akustik, die Gottfried Militzer sonor testete, sondern auch die Auslastung: „Wir haben jede Woche ein bis zwei Belegungen. Einen Raum für 120 Personen gibt es nicht oft“, betonte Schmid den hohen Nutzwert für den Ort und die Umgebung. Dass innen die Holzkonstruktion und die mit alten Steinen neu verfugten Wände bis in Details zu sehen sind, habe ausdauernde Verhandlungen mit Statikern und Brandschutz erfordert,  berichtete Schmid,  „aber die Stadt hat mitgezogen.“ So sei es auch möglich gewesen, nachdem die Zimmerleute den um 70 Zentimeter hängenden Giebel über Monate hinweg gerade gezogen hatten, auf Metallschrauben zu verzichten und die Balken wieder mit Holznägeln zusammenzufügen.  Schmid sprach dabei von hochpräziser „Holz-Chirurgie“. Für die Beibehaltung der althergebrachten Konstruktionsweise  nannte er vor allem ein Argument: „Immerhin stand das Gebäude schon 500 Jahre.“

Um Holz ging es zunächst auch auf dem Vorplatz in den geschlossenen Gasgrills. Als ersten Gang reichten Fritz Haux und Küchenchef Balazs Meszaros Lachsfilet  - gewürzt mit einer Mischung aus Kokosblütenzucker, gerösteten Kakaobohnen, Pfeffer, Meersalz und Limettenschale und leicht angeraucht von untergelegten Zedernholz-Brettern. Danach folgten die lackfreie Version von Hähnchen auf der Bierdose und schließlich Rind in großen Stücken. Haux empfahl, ganze Braten im Grill mit Deckel zu garen: „Das ist ideal zum Essen, Trinken und Schwätzen. Man steht nicht nur am Rost für andere.“ Jeweils richtig angewandt, sei es egal, ob man Gas oder Holzkohle verwende, gab Haux seinen Zuhörern  grundlegende Tipps für den Umgang mit Grillgut: Salzen erst unmittelbar vor dem Grillen, weil sonst der Saft aus dem Fleisch gezogen wird, Steaks niemals direkt aus dem Kühlschrank auf den Rost legen, sonst kleben sie fest, und nur kurz hohe Hitze verwenden, bis sich die Röstaromen gebildet haben. Von Alufolie riet er ab, da sich in der Kombination aus Salz, Säure und Hitze krebserregende Aluminiumsalze bildeten und kondensierende Feuchtigkeit die Aromen auswasche. Besser sei Backpapier, um gares Grillgut eingewickelt  ruhen zu lassen. Entspannt ging es auch dem Essen noch eine ganze Weile mit Gesprächen  und Netzwerken weiter. Eilig hatten es im Dämmerlicht nur die Fledermäuse, die sich mitten im Dorf auf die Jagd machten. 

HintergrundDas Kulturdenkmal Zehntscheuer aus dem Jahr 1533 wurde vom Förderverein Ortskern Betzingen e.V. grundlegend saniert. Dafür gab es 2016 den Bürgerpreis der Denkmalstiftung Baden-Württemberg. 

Flyer Sommerlounge 2017 als Download

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