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JUNI 2017 _ Rieber Werk I, Reutlingen

Rieber – Lösungen für Menschen und Lebensmittel

Exzellenz statt Egomanie

Es kommt bei Vorträgen des Marketing-Clubs Neckar-Alb nicht so oft vor, dass ein gastgebendes Unternehmen deutlich auf die strikte Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und deren scharfe Überwachung pocht - außer es geht um die Basis eines neuen Geschäftsmodells. Beim Reutlinger Küchentechnik-Hersteller Rieber gab es im Juni diesen Moment, was vielleicht auch daran liegt, dass Rieber in dem Bewusstsein handelt, selbst mit der "Gastronorm" vor über 50 Jahren die gültigen Branchenstandards gesetzt zu haben. "Seien Sie vorsichtig, wenn ihr Caterer mit etwas anderem kommt," warnte Geschäftsführer Gerhard Heilemann lächelnd, aber durchaus ernst gemeint, vor Thermobehältern, die nicht von der "Orange Box Company" stammen. Im Zeichen der Digitalisierung bietet das Unternehmen ein System für Lebensmittellogistik an, das neben detaillierten Informationen zu jedem Behälter die digitale Überwachung und Dokumentation von Hygiene und Temperatur umfasst.

Warum Rieber die Technisierung in Gastronomie und auch in Privathaushalten vorantreibt, machte Heilemann  beim Gang durch die Produktion anhand vieler Beispiele deutlich. So komme Rieber bereits bei den Materialkosten für ein Spülbecken über den Einkaufspreis, den ein Baumarkt an seinen chinesischen Lieferanten zahlt. Darum müsse Rieber neben der Produktqualität ein Gesamtpaket aus System und Service bieten, um bestehen zu können. Einer der in der Unternehmensgruppe von Rieber-Inhaber Max Maier entwickelten Hightech-Werkstoffe ist ein mit Edelstahl plattierter leichter Alu-Kern mit eingewalzten Heizdrähten. Warum Caterer darauf beim Warmhalten und Aufwärmen zurückgreifen sollten, erklärte Heilemann ganz kurz: "Brennpaste ist in Innenräumen verboten."  Dass der Markt da ist, auf dem Rieber nur wenige echte Wettbewerber, dafür einige Nachahmer sehe, zeigte Heilemann an der Laser-Station, an der Edelstahlbehälter ihren individuellen QR-Code eingebrannt bekommen: Dank der hohen Stückzahlen lohne es sich, die Maschine selbst im Haus zu haben.      .

Um große Zahlen ging es auch in der Präsentation, die sich Heilemann mit Mario Stockhausen, Chief Creative Officer von Max Maier Urban Development, teilte. Investor Maier entwickelt 200.000 Quadratmeter ehemalige Industriebrache in der Ludwigsburger Weststadt zu einer Fläche auf der "7000 Menschen leben, arbeiten und essen", wie Stockhausen erklärte. Im sogenannten "Urban Harbor" präsentiert auch Rieber seine IT-gestützte Küche, die laut Stockhausen bis zu 10.000 Essen pro Tag herausgeben können soll. Die Quantität sei dabei aber nur ein Aspekt, vielmehr gehe es darum, mit digitaler Vernetzung die Standards in der gesamten Lieferkette der Lebensmittellogistik zu gewährleisten und dabei die Ressourcen Zeit, Energie und Lebensmittel zu schonen. Großen Wert lege man dabei auf regionale Produkte und kurze Wege. Aus Sicht Max Maiers sei dies der richtige Weg, sprach Heilemann für den Inhaber. "Wenn sogar McDonald's und Coca-Cola mit Regionalität werben, dann muss das richtig sein," ergänzte Stockhausen.

"Jedes fertige Produkt im Supermarkt hat 4000 Kilometer Transportwege hinter sich. Ein Drittel des weltweiten CO2-Ausstoßes kommt aus der Lebensmittelproduktion", zählte Stockhausen Einsparpotenziale auf. Bei 30 Millionen Mittagessen, die in Deutschland täglich im öffentlichen oder halböffentlichen Raum ausgegeben würden, so Stockhausen, sei es notwendig, von Einweg- auf Mehrwegverpackungen umzustellen. Edelstahl, hygienisch und frei von Kunststoff-Weichmachern, sei dabei das Mittel der Wahl, verwies Stockhausen auf ein gemeinsames Projekt mit einer Molkerei, das alleine den Abfall von 2000 Joghurt-Bechern täglich vermeide. Die Kombination aus Temperatursteuerung, eingebauten Sensoren und der Online-Verknüpfung mit der Datenbank ermögliche etwa den lückenlosen Schutz von Krankenhauspatienten vor Salmonellen. Dieses "Check" genannte System für Groß-Caterer entlaste aber auch Lieferanten von beträchtlichem bürokratischem Aufwand und der Fehlerquelle Mensch: "Niemand muss mehr was aufschreiben. Die Behälter können geschlossen bleiben," sagte Stockhausen.

Dass die Digitalisierung ein Umbruch sei, der menschliche Arbeitskraft überflüssig mache, gegen diese Vorstellung wandte sich Heilemann mit deutlichen Worten: "Das Industrie-4.0-Gequatsche halten wir für Provokation. Das ist meist alter Wein in neuen Schläuchen." Heilemann reichte dazu als Begründung eine Anekdote von der Hannover Messe: "Wir hatten unseren Stand zwischen den ganzen Telekommunikationsgrößen. Der war voll, denn die Besucher waren uns dankbar, dass da jemand wirklich mal ein neues Geschäftsmodell gezeigt hat." Alleinstellung sei indes nicht mit alleinstehend zu verwechseln, große Innovationen seien nur noch im Verbund mit Partnern in der Wertschöpfungskette zu erreichen, fügte Heilemann an. Mit Blick auf die unterschiedlichen Unternehmen im "Urban Harbor", die dort ihre eigenen Logis und Farben zurücknehmen, mahnte Stockhausen: "Man muss die Egomanie ablegen, um Exzellenz zu beweisen." Der frühere Club Präsident Prof. Dr. Gerhard Braun, der den Abend moderierte, hatte dazu erst das passende Fazit - "Einheit in Vielfalt" - und dann die passende Einladung für den 5. Juli: mymuesli, Träger des Deutschen Marketingpreises 2016, stellt sich auf besagtem Ludwigsburger Areal vor, direkt neben dem Rieber-Schwesterunternehmen Eisfink.

Hintergrund
Eines der größten Unternehmen in Reutlingen gehört seit Jahrzehnten zu den Marktführern in seiner Branche. Rieber produziert Küchentechnik und Speisenverteilungssysteme für die professionelle Gastronomie, zum Beispiel Großküchen und Cafeterien, aber auch für den privaten Haushalt. Rieber sucht permanent nach neuen und besseren Lösungen und hat sich nun auch der Digitalisierung verschrieben.

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