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rückblick

MAI 2017 _ Schloss Haigerloch

„Mobile Payment – Die Zukunft des Bezahlens“

Daten als Währung

Wenn's ans Bezahlen geht, dann haben die Schwaben angeblich einen Igel in der Tasche. Trotzdem möchte Google dort hinein - und Apple und Amazon wollen sowieso. Wie neue Bezahlmethoden Platz greifen und dabei Scheine und Münzen verdrängen könnten, prognostizierte Frank Büttner, Geschäftsführer der Sparkassenverlag-Tochter S-Payment GmbH, bei den Haigerlocher Schlossgesprächen des Marketing-Clubs Neckar-Alb.

Wie es auch immer zum weitgehend bargeldlosen Zahlungsverkehr kommen wird, auf einer Euphoriewelle schwimmt die Entwicklung wohl gerade nicht. Dabei seien die Sparkassen mit 52 Millionen ausgegebenen Bezahlkarten auf dem Sprung, mobiles Bezahlen und Online-Shopping miteinander zu verknüpfen, wie Club-Schatzmeister Thilo Schmid in seiner Anmoderation erklärte. "Wir haben in Deutschland Leute, die ihre Karten wegschließen, weil sie Angst haben, dass damit etwas passieren kann. Die mangelnde Aufklärung müssen wir uns selbst ankreiden", räumte Büttner ein, dass die Banken in Deutschland das Thema noch nicht so recht in Schwung gebracht haben. Während skandinavische Kunden selbstverständlich zur Karte griffen und französische Banken 30 Milliarden Transaktionen  jährlich abwickelten, sei Deutschland ein Entwicklungsland. Dabei gehe es um die eigenen Interessen der Geldinstitute: "Die Versorgung mit Bargeld kostet in Deutschland jedes Jahr 13 Milliarden Euro. Tonnenweise Münzen schieben ist nicht mehr zeitgemäß", nannte Büttner den Kostenfaktor als Treiber hin zur elektronischen Zahlung.  Der deutsche Einzelhandel wickele derzeit knapp die Hälfte des Umsatzes mit Karten ab, rund 80 Prozent der Bezahlvorgänge und fast alle mit kleinen Beträgen fänden indes mit Bargeld statt. Berührungsloses Zahlen mit der neuesten Karten-Generation bis 25 Euro soll hier Abhilfe schaffen. Bei der Sicherheit gebe es damit keine Abstriche, jedoch Zugewinn beim Komfort, setzte sich Büttner für die Funkübertragung ein.     

Für den Umgang mit Daten attestierte Büttner seiner Branche einen aus seiner Sicht zu konservativen Ansatz. Apple kassiere von den Anbietern auf seiner Store-Plattform im Schnitt 800 Dollar für Kundendaten, Paypal versende nach jeder Bewegung E-Mail-Werbung. Nur die Banken nutzten die Kontodaten ihrer eigenen Kunden nicht, um beispielsweise Tipps zu einem besseren Versicherungsschutz zu geben. Büttner hatte bei den Bankunden jedoch längst nicht nur den Endverbraucher sondern speziell die kleinen Händler  im Blick. Während Amazon exponentiell wachse, schrumpften die Einzelhandelsflächen. Für Banken gehöre es künftig zum Kerngeschäft, kleinen und mittleren Unternehmen bei der Online-Geschäftsanbahnung zu helfen. Der Deutsche Sparkassenverlag unterstütze darum die Geldhäuser im Verbund dabei, "One-Stop-Dienstleister für KMU zu werden", wie Büttner eine seiner Aufgaben beschrieb. 

Die großen Handelsunternehmen bräuchten indes weniger Hilfe. So liege der durchschnittliche Wochenend-Spontankauf bei MediaMarkt bei einem Wert von  800 Euro - und zwar meist auf Raten, deutete Büttner an, welche Dimensionen  Verbraucherkredite für Unterhaltungselektronik einnehmen. Als ein anderes Beispiel aus diesem Bereich nannte Büttner die Apple Watch, die er für einen seiner Söhne, erworben hatte. Beide Teenager waren übrigens nach Haigerloch mitgekommen. Die Frage nach Erfahrungen mit dem Produkt ergab beim Publikum kaum Rückmeldungen, was vielleicht auch an der jungen Zielgruppe lag. Büttners Bericht von einer ganzen Kette an bedarfs- und zeitgenauen Online-Angeboten für das Gerät selbst, Zubehör und Services und weiterführender Beratung regte eine Diskussion über bequemes oder gesteuertes Einkaufen an.

Für die Zukunft malte Büttner ein Bild, in dem der Passagier des autonomen vernetzten Fahrzeugs die Zeit mit Einkaufen am Smartphone  verbringt - und just auf dem Weg zum Shopping Angebote anderer Anbieter zu den zuvor ausgeguckten und für ihn wahrscheinlich relevanten Artikeln erhalte. Das Echo darauf fiel geteilt aus, was aber nicht unbedingt eine Frage der Generationen war. So bemängelte der ehemalige Club-Präsident Walter Herrmann, dass sich die Banken mit der Technisierung von der großen und finanzkräftigen Kundengruppe über 60 Jahren abwendeten. Kurz darauf demonstrierte der ehemalige Club-Präsident Hubert Haizmann, wie er sein Smartphone zum Einkaufen nutzt. Zuspruch erhielten beide.

Hintergrund
Das kontaktlose Bezahlen mit der Giro- oder Kreditkarte ist bei immer mehr Händlern in Deutschland möglich. Sie haben ihre Kartenterminals an den Kassen mit einer neuen Funktechnik ausgestattet. Bei Einkäufen bis zu 25 Euro müssen Kunden, wenn sie bereits über eine entsprechende Bankkarte verfügen, keine Geheimnummer mehr eingeben. Doch das ist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zum mobilen Bezahlen per Smartphone. Da hält der Kunde sein Smartphone an die Kasse, schon ist die Rechnung bezahlt.

Die Deutsche Bank ist aktuell am Start. Bei den Sparkassen und den Volksbanken laufen Tests, ab 2018 soll es in die Praxis gehen. Nicht nur die Kreditinstitute bieten Lösungen, sondern auch Apple (mit Apple Pay) und Google (mit Google Pay) – aber derzeit noch nicht in Deutschland.

Neben dem mobile Payment an der Ladenkasse sind Handy-zu-Handy-Zahlfunktionen in der Entwicklung. Aktuell bekam Paydirekt, das Gemeinschaftsunternehmen der Banken und Sparkassen, grünes Licht vom Kartellamt für ein solches mobiles Bezahlverfahren. Mit Paydirekt wollen die Deutschen dem Marktführer Paypal generell im Online-Bezahlen Paroli bieten.

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