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SEPTEMBER 2016 _ Metzingen

Seiz: Evolution der Handschuhe von der Steinzeit bis zum Hightech-Produkt

All You Need is Glove

Wenn auch zehntausende Paare in den Regalen lockten: Ein Fünf-Finger-Discount war beim Rundgang durch das Lager der Seiz-Gruppe völlig unnötig. Geschäftsführer Rainer Seiz hatte seinen Gästen vom Marketing-Club Neckar-Alb vorsorglich Geschenke eingepackt, die - wie der sprichwörtliche Handschuh - passten. 

Vor dem Rundgang durch die Glemser Handschuhfabrik stand aber erst ein historischer Exkurs. Der Hausherr erklärte, wie sich über Jahrtausende hinweg plumpe Hüllen aus Fell zu hochempfindlichen Statussymbolen und schließlich zu billiger Chrom-vergifteter Massenware entwickelte. Was Arbeitshandschuhe betraf kam der gelernt Gerber Seiz immer mehr von der Tierhaut mit ihrer unregelmäßigen Qualität ab: "Bei einem Naturprodukt bescheißt dich die Natur". Dafür wandte sich Rainer Seiz mit der Übernahme des elterlichen Betriebs, "damals eine von 30 Handschuhfabriken im Ermstal", den Kunstfasern zu. Zu einem Zeitpunkt, als noch rund 70 Prozent der Arbeitshandschuhe aus meist schlechtestem Leder in Fernost gefertigt worden seien, so Seiz, ging sein Unternehmen mit Maschenware in den Markt. Spätestens an diesem Punkt beantwortete Seiz auch die von Moderator Edgar Lehmann gestellt Eingangsfrage: "Wie kommt ein Mittelständler aus Glems zu zu weltweitem Bekanntheitsgrad?" Denn dieses erste Modell, das Seiz bei einem Staatsunternehmen in Ungarn stricken ließ, benutze Daimler heute noch. "Im zweiten Produktionsjahr wurden 50.000 Paar bestellt. Wir konnten da nicht mehr liefern, sondern nur noch zuteilen", berichtete Seiz von fast planwirtschaftlicher Überforderung durch rasantes Wachstum. "1986 haben wir nebenan eine ehemalige Spinnerei übernommen und erst  noch nebenher die Logistik für Remington-Rasierer gemacht. Das ging drei Jahre lang, dann haben wir den Platz selber gebraucht." 
    
Einen weiterer Schub für die Unternehmensentwicklung erhielt Seiz aus einem Hobby: Selbst langjähriges Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr, legte er 1993 den ersten Feuerwehrhandschuh aus hitzebeständigen und schnittfesten Aramidfasern vor, den er in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr Reutlingen entwickelte. "Damals lösten hochwertige Jacken aus Nomex die Baumwolle ab. So kam auch die Notwendigkeit für vernünftige Handschuhe auf. Statt nur von außen zu löschen, gingen die Feuerwehrleute jetzt tiefer in brennende Gebäude hinein." Den Unterschied zwischen modernem Textil zu traditionellem Leder erklärte Seiz kurz mit "da wird es warm" zu "Finger sind ab". Dafür legt er regelmäßig bei Vorführungen seine eigene Hand - mit entsprechendem Schutz - ins Feuer. Der Erfolg: "Seit 2005 kommt der meistverkaufte Feuerwehrhandschuh von uns." Bei Messeauftritten verzichtet Seiz zwar auf Zündeleien, aber nicht auf Spektakel. So setzt er seinen "Boss Hoss" im Firefighter-Design regelmäßig als Publikumsmagnet ein: "Wenn noch nicht viel los ist, traut sich kaum jemand alleine an einen Stand. Um das Motorrad stehen aber immer gleich ein paar Leute herum."   

Trotz seines zweirädrigen Ungetüms aus Tennessee riet Seiz aus Sicht seiner Branche vom USA-Geschäft ebenso wie von einem Freihandelsabkommen ab: "Die Versicherungsprämien sind zu hoch", verwies der Unternehmer auf die Risiken der Produkthaftung in den Staaten. Umgekehrt öffne TTIP amerikanischen Herstellern bei geringerem Zulassungsaufwand die Tore in den europäischen Markt. Lohnender als der Blick über den Atlantik sei ausreichend Freizeit neben dem Arbeitsalltag: "Im Urlaub und beim Angeln kommen mir die besten Ideen." Für die beiden in die Bereiche Industriehandschuhe und technischen Handschutz aufgeteilten Unternehmen dürfte das nicht unwesentlich sein, denn laut eigener Aussage besteht die Entwicklungsabteilung vor allem aus dem Chef selbst. Und der geht diese Aufgabe gleichermaßen mit Blick für Effizienz und mit sportlichem Ehrgeiz an. So habe sich das Unternehmen mit Handschuhen für Bob, Rodel und Skeleton im Wintersport etabliert - "als Ausrüster geht das finanziell noch, als Sponsor wäre das nicht zu bezahlen", rechnete Seiz vor, wie ein optimaler Griff am Start sowohl Hundertstel auf dem Eis als auch Zehntausende im Werbebudget spart. Für künftige Schneesaisons kündigte Seiz eigene Skihandschuhe an: Mit den Attributen leicht, dünn, warm, haltbar und günstig will Seiz die Pisten erobern. 

Was Seiz Im Zuge seines  wintersportlichen Engagements bereits zur Reife gebracht hat, ist ein Transferdruckverfahren, das aus Handrücken bunte Werbeflächen macht. So überreichte auch schon  die Standortagentur auf der vergangenen Expo Real Neckar-Alb-Handschuhe. Einen ganz anderen Einfall setzte Seiz mit einem Fäustling für Tiertrainer um, nicht viel schwerer als ein Topfhandschuh. Hunde verbeißen sich in dem dichten Stoff, den die Zähne nicht durchdringen. Freilich erfordert der Erfolg immer das richtige Modell für die jeweilige Anwendung. So erreichte der Gartenhandschuh aus der Präsenttüte im nicht repräsentativen Katzenkrallentest lediglich ein mittellautes Fauchen.

Hintergrund:
Was in der Steinzeit als Fell an den Händen begann sind heute hochleistungsfähige Schutzhandschuhe für extremste Bedingungen. Dabei wurde das seit Jahrtausenden verwendete Naturmaterial Leder erst in den letzten dreißig Jahren von textilen Fasern überholt und heute beinahe restlos durch diese ersetzt.

Geschäftsführer Rainer Seiz veranschaulicht in seinem Vortrag, wie es dem Unternehmen gelang den Handschuhmarkt grundlegend zu verändern und sich zum Weltmarktführer zu entwickeln.

Die Friedrich Seiz GmbH wurde 1961 gegründet und umfasst heute zwei Tochterunternehmen. Während bei SEIZ Industriehandschuhe der Schwerpunkt auf gleichnamigem Segment liegt, produziert die Schwesterfirma technischen Handschutz für Feuerwehren und nun auch für den professionellen Wintersportbereich.

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