Für Mitglieder

rückblick

JANUAR 2016 _ Reutlingen

Prof. Dr. Ernst Messerschmid: „Vom All in den Alltag. Der Weltraum als Labor und Markt“

Weit über der Welt

Am Clubabend im Januar sahen die Sterne ganz anders aus: Moderatorin Sabine Dörr begrüßte Prof. Dr. Ernst Messerschmid als den "Reutlinger, der es bislang am weitesten gebracht hat." Der Astronaut, eine Bezeichnung, die ähnlich wie bei amerikanischen Präsidenten wohl ein Leben lang bleibt, zeigte auf wozu die Forschung, die Wirtschaft und die ganze Menschheit überhaupt die Raumfahrt brauchen. Und dazu musste nicht einmal jemand einen Helm aufsetzen oder Protein-Pillen einnehmen.

Tabletten helfen in der Schwerelosigkeit ohnehin nur bedingt, wenn es gegen den Knochenschwund geht, berichtete Messerschmid von einer praktischen Beobachtung, die ohne längere Aufenthalte auf Raumstationen nie gemacht worden wäre. Junge kräftige Raumfahrer sind demnach wesentlich schlimmer als ältere Damen von Osteoporose bedroht. Als wirksamstes Gegenmittel habe sich eine Therapie mit Vibrationen herausgestellt. Der Aufenthalt im All sei indes nicht nur unvorteilhaft, denn die "durch Flüssigkeitsverschiebung von den Beinen bis ins Gesicht haben wir plötzlich zehn Jahre jünger ausgesehen." Eine dauerhafter kosmetischer Nutzen habe sich daraus konkret nicht ziehen lassen, aber "die Abfallprodukte kommen automatisch", erklärte der Wissenschaftler, der an der Uni Stuttgart Materialforschung betrieb, bevor er als Chef der Astronauten zur Europäischen Raumfahrtbehörde nach Köln "floh - die wollten mich zum Rektor machen." Es dauere rund 15 Jahre, bis Entwicklungen für die Raumfahrt einen Weg auf den Markt fänden, wie etwa Sensoren zur Positionsbestimmung.

Zuweilen brauche es auch etwas länger, bis eine neue Technologie trotz vieler Vorteile ihr ausschlaggebendes Verkaufsargument finde. So seien aus dem Hitzeschild der Shuttles leichte verschleißfeste Bremsen für Züge abgeleitet worden. Die Deutsche Bahn habe aber erst darauf gesetzt, als sich diese Bremsen auch als leise erwiesen und sich damit die Kosten für den Lärmschutz an den Strecken deutlich reduzieren ließ. Unternehmen gingen mittlerweile aber verstärkt den umgekehrten Weg mit der Vergabe von Forschungsaufträgen ins All. Der Automotive-Konzern Magna habe beispielsweise schon drei mal Versuche mit Aluminiumguss in der Umlaufbahn durchführen lassen. "Nur so bekommt man dann perfekte Modelle, auf die man dann mit konventionellen Mitteln hinarbeiten kann", lieferte Messerschmid einen Erklärungsansatz, warum die Raumfahrt mittlerweile zu über 60 Prozent privat finanziert sei.

Was die selbsternannte Deutsche Nummer Drei im All - "Reinhard Furrer saß beim Einschwenken in den Orbit zwei Meter unter mir" - neben den vielen Beispielen und Zahlen vermittelte, war schier grenzenloser Optimismus. Vielleicht auch gerade deshalb, weil er seinen Vortrag fast genau am 30. Jahrestag des letzten Starts der Raumfähre Challenger hielt. Er selbst war Teil der letzten Crew gewesen, die im Herbst 1985 mit diesem Shuttle wohlbehalten auf die Erde gefallen war. Die Frage nach Leben im All beantwortete Messerschmid mit einem entschiedenen "Ja", denn "es wird auf jeden Fall uns Astronauten geben". Und damit entließ der mittlerweile emeritierte Professor seine Zuhörer mit allerlei Gedanken in Nacht, darunter auch: Spinnen vom Mars.

© 2017 Marketing-Club Neckar-Alb e.V.