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rückblick

FEBRUAR 2014 _ Reutlingen

„Handwerker 2.0“

Überflüssiges streichen

Weit mehr als ein bunter Farbklecks auf dem Jahresprogramm 2014 war im Februar der Ausflug ins Handwerk zu Heinrich Schmid in Reutlingen. "Europas größter Maler", diesen in Reutlingen geläufigen Scherz brachte Club-Präsident Prof. Dr. Gerhard Braun gleich zu Anfang, zeigte sich  als "Unternehmen, das nichts mit dem sonst üblichen Handwerksbetrieb zu tun hat."   

Dr. rer.pol. Carl-Heiner Schmid, langjähriger Chef des mittlerweile von seinen beiden Söhnen geleiteten Familienunternehmens, legte auf das unverkennbare Profil des Unternehmens auch größten Wert: "Abgrenzung macht uns erst sichtbar. Wenn wir wie jeder andere Malerbetrieb in der Gegend wären, dann wären Sie heute nicht hier",  begann der Diplom-Kaufmann, Skilehrer, Maler- und Lackierermeister, bildende Künstler und Gesellschafter des Traktoren-Herstellers Holder seinen vielschichtigen Vortrag. Die reine Unternehmensgröße führte Schmid dabei nicht explizit als Alleinstellungsmerkmal an. Neben den über 3800 Mitarbeitern nannte er eher wenige der "Beruhigungsangaben für Gesellschafter-Versammlungen". Aspekte wie Tradition, ein umfassendes Dienstleistungsangebot und ein gewisses Gewicht als Arbeitgeber und Bankkunde ließ Schmid immer wieder scheinbar nebenbei in seine Ausführungen einfließen. Den Umgang mit Schwächen und Niederlagen stellte er dagegen extra heraus: So habe er selbst die treibende Kraft aus der Skepsis seines Vaters ob seiner Qualitäten als Nachfolger geschöpft. Ein weiterer Exkurs in die Firmengeschichte, in der es um einen "schmerzhaft" gescheiterten Markteintritt in Schweden ging, fand später in der Präsentation ein Echo: Zunächst hatte Schmid seine Hausbank für deren guten Willen und die enge Zusammenarbeit gelobt. Dann erklärte er mit Blick auf die eigene Gestaltung der Angebote: "Wenn Sie eine attraktive Finanzierung mit anbieten können, sind die einzelnen Gewerke gar nicht mehr so teuer."

Zweifel und den Willen zu Veränderungen stellte Schmid als Charakteristika der Führungsarbeit im Unternehmen dar. "Gute Führung muss stören, sonst geht es nicht weiter. Nur da, wo etwas fehlt können wir besser werden, deshalb ist Kritik unser Lebenselixier." Freilich gelte dies "in der Organisation auf Zug" nur in eine Richtung. Der Führungsgrundsatz laute: "Da geht's lang! Und wenn's mal nicht geht, dann geht's trotzdem da lang!"

An der Spitze der Hierarchie stehe indes der Kunde. Am Verhältnis zu diesem "Chef"  machte Schmid die Hauptunterschiede zu seiner Meinung nach allgemein verbreiteten Denkweise  im Handwerk  fest. So konzentriere sich der althergebrachte Handwerker auf Produkte, Werkzeuge und Technik, versuche vornehmlich, Aufträge zu ergattern und arbeite diese "auf Zuruf" ab: "Wer am Telefon am lautesten schreit, wird zuerst bedient." Was Schmid in Aphorismen und Sprachbilder kleidete, hätte in Klartext auch die Klage eines frustrierten Bauherren sein können: Generell gebe es im Handwerk nur ein gering ausgeprägtes Bewusstsein für Verschwendung und über die Unterschiede zwischen "fleißiger, flüssiger und überflüssiger Arbeit" machten sich längst nicht alle Gedanken. Effektiv gearbeitet werde weit weniger als in der Industrie.  

Die Organisation bei Heinrich Schmid sei dagegen einen Schritt weiter. Mit der Service-Einstellung "Wir rennen für die Kunden, nicht gegen die Konkurrenz" werde das Unternehmen zum ersten Ansprechpartner für Anschluss-Aufträge. "Morgens um 7 Uhr muss die Baustelle gelaufen sein," verwies Schmid auf die von ihm eingeführte Prozessteuerung mitsamt Planung auf der "virtuellen Baustelle". Schlüsselkompetenz sei dabei die Kommunikation als "Software" für den Betrieb. Die Schwierigkeit, so Schmid: "Handwerker lesen nicht und schreiben noch weniger." Zudem hängte hier Schmid noch eine Beobachtung aus der Kategorie "Ausland macht schlau" an: "Handwerker sind weltweit einsprachig. Hürden lassen sich nur überwinden, wenn man ihnen ihre kulturelle Identität lässt."   

Das Wissen sei bei Heinrich Schmid  Unternehmen -"egal wo" - dezentral vorhanden und bei den Mitarbeitern lege man Wert auf eigenständige Persönlichkeiten. Diese seien nicht einfach über den Lohn zu bekommen, denn "wer wegen dem Geld kommt, der geht auch wegen dem Geld wieder", erklärte Schmid. Vielmehr gehe es darum, eine Zukunft zu bieten. Die Perspektive bei Heinrich Schmid reiche von der "Hauptschule bis zur Hochschule", zeigte Schmid einen "Lebensentwurf für Aufsteiger", der in der Lehre einsteigt und über Meisterschule und Studium bis in die Geschäftsleitung führen kann - oder eben vielleicht auch woanders hin. "Die Wahlmöglichkeit war eine Bereicherung für mein Leben", sagte Schmid in Bezug auf seine eigenen vielfältigen Interessen. Für die Führung bedeute dies umgekehrt: "Nur wer loslässt, sieht, ob die Leute bei der Firma bleiben."            

Kurzvita Dr. Carl-Heiner Schmid

  • Gesellschafter Malerwerkstätten Heinrich Schmid GmbH & Co. KG
  • Geboren 27.06.1941, verheiratet, 4 Kinder
  • Leidenschaften: Forschung + Entwicklung, Bildende Kunst, Sport
  • 1966 Diplom-Kaufmann, LMU München
  • 1967 Staatlicher Ski-Lehrer, Sporthochschule, München
  • 1980 Meisterbrief im Maler- und Lackiererhandwerk, Stuttgart
  • 1984 Gesellschafter der Firmengruppe Heinrich Schmid
  • 1994 Dr. rer. pol., Universität Stuttgart
  • 2008 Gesellschafter bei Max Holder GmbH (Traktoren)
  • 2011 Übertrag der Anteile auf seine Kinder

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