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JANUAR 2013 _ IHK-Forum Reutlingen

Weltethos und Wirtschaft

Anständig auf Augenhöhe

Von ihrer Philosophie haben schon einige Referenten beim Marketing-Club Neckar-Alb gesprochen. Vorträge über Philosophie waren bislang dagegen eher selten. Prof. Dr. Claus Dierksmeier, Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen, hatte damit beim Club-Abend im Januar so etwas wie eine Premiere. Dies galt übrigens überhaupt für Vorträge vor Mittelständlern aus der Region Neckar-Alb, was nicht zuletzt daran liegt, dass es das Institut erst seit 2012 gibt.

Dierksmeier räumte gleich zu Beginn ein, sich sein Marketingwissen "nur angelesen" zu haben. Dafür verkaufte er seine Institution recht raffiniert: Weder Moralpredigt, noch vordergründige Drittmittelwerbung, zeigte seine kurzweilige Präsentation verschiedene Ansätze, wie ethisches und wirtschaftliches Handeln in Einklang zu bringen seien. Das Abstract seiner Ausführungen fiel nicht allzu kompliziert aus: Unternehmerisches Handel stoße auf positive Resonanz, wenn es auf zwei Grundlagen basiere. Der erste sei die seit Jahrtausenden überliefertee, wenn auch seit Jahrhunderten von großen Denkern zerpflückten "Goldene Regel" ("Was Du nicht willst, dass man dir tu' ..."). Der zweite sei die menschliche Behandlung menschlicher Wesen. Diese Grundsätze seien universell in allen Kulturen wiederzufinden und deshalb gerade in Sachen Globalisierung besonders relevant.

Auf die Stiftung Weltethos und das daraus hervorgegangene Institut, die der Theologe Hans Küng begründet und nicht zuletzt der Putzmeister-Gründer Karl Schlecht aus dem Verkaufserlös des Betonpumpenherstellers an den chinesischen Baumaschinenkonzern Sany finanziert, ging Dierksmeier nur kurz ein. Umso deutlicher legte er jedoch dar, dass Ethik bereits heute ein Marketingfaktor sei: "Ethik ist das neue Grün." Anhand der Beispiele eines amerikanischen Sportartiklers und eines Nahrungsmittelkonzerns aus der Schweiz, deren Images menschenverachtende Produktionsbedingungen trübten, beschrieb Dierksmeier eine aus seiner Sicht fast unausweichliche Entwicklung hin zu "Humanistic Management": "Erst streiten sie ab, dass sie mit dem Skandal bei den Zulieferern etwas zu tun haben, dann sagen sie, dass sie keinen Einfluss darauf haben." Wenn dann Feigenblatt-Aktionen aufgeflogen seien und der Ruf genug gelitten habe, gingen auch Großunternehmen die Probleme schließlich doch ernsthafter an. Ethisches Handeln sei also kein rein ideeller Wert, sondern spare reale Kosten für die Lösung von Konflikten, Reparationen und Gerichtsverfahren. Angst vor einer neuen Sichtweise müsse dabei niemand haben, denn neues Denken eröffne auch immer neue Möglichkeiten.

Wovon sich Unternehemen generell verabschieden sollten, sei die Vorstellung des Menschen als immer rein auf seinen eigenen Vorteil bedachten "Homo oeconomicus". Die tatsächliche Wünsche der Konsumenten seien ebenfalls nicht einfach aus dem Kaufverhalten abzuleiten, vor allem wenn es sich um einen künstlich geweckten Bedarf handle. Generell sei jeder, der wirtschaftlich handle, gut beraten, sich ein möglichst realistischen Menschenbild zuzulegen.

Für den Umgang mit Mitbewerbern, die sich nicht wie der "ehrbare Kaufmann" verhielten, empfahl Dierksmeier ein Rezept, dass sich schon im Mittelalter bewährt habe: "Naming, blaming and shaming." Weiche Sanktionen durch andere Marktteilnehmer seien wirksame Mittel gegen fragwürdiges Verhalten. Siegel und Zertifikate seien wiederum geeignet, die eigene Marke positiv abzugrenzen. Allerdings legte Dierksmeier dabei langfristige Maßstäbe an, eine ethische Wende in einem Ruck sagte er nicht voraus: "Der Umschwung in den Denkschulen erfolgt jetzt. In 30 bis 40 Jahren werden den Unternehmen die Toolkits Verfügung stehen."

Obwohl Dierksmeier deutlich anklingen ließ, dass für ihn nicht jeder legal erzielte Profit auch ehrlich verdientes Geld sei, gab es von ihm keine grundsätzliche Kritik an der Marktwirtschaft. Der Markt sei eine kulturelle Errungenschaft und Marktversagen sei das Resultat ungleicher Zugangsbedingungen der Marktteilnehmer, erklärte der Institutsdirektor. Die abschließende Diskussion, auf die sich Club-Präsident Prof. Dr. Gerhard Braun als "bekennender Ordoliberaler" in seiner Anmoderation gefreut hatte, fiel zwar angeregt, aber sehr harmonisch aus. Die wechselnden Gesprächsgruppen zum Ausklang waren ein deutliches Zeichen, dass sich der Ethik-Professor und die Club-Mitglieder zum eher ungewöhnlichen Thema einiges zu sagen hatten.

Fotos: Seliger


Kurz-Vita Prof. Dr. Claus Dierksmeier:
Im Januar 2012 wurde Prof. Dr. Claus Dierksmeier zum Direktor des Weltethos Institut an der Universität Tübingen bestellt. Zuvor hatte er als Distinguished Professor of Globalization Ethics and Co-Director of the Sustainable Management and Measurement Institut (SUMMIT) am Stonehill College in North-Easton (Boston), Masss., USA gearbeitet.
Von 1998 an war Claus Dierksmeier Wissenschaftlicher Assistant für Praktische Philosophie an der Universität Jena, bevor er, nach seiner Habilitation ebendort, 2002 einen Ruf in die USA annahm. Zusätzliche Aufenthalte brachten ihn als Gastprofessor und Research Fellow nach Spanien, Uruguay und Argentinien; zudem hat er an Universitäten in Berlin (Humboldt-Viadrina Governance School, Steinbeis Universität) und Barcelona (IQS, Universität Ramon Llull) executive & graduate courses in CSR, economic philosophy, und humanistic management gegeben.
Seine akademische Arbeit konzentriert sich auf Fragen der Politik-, Religions- und Wirtschaftsphilosophie unter besonderer Berücksichtigung von Theorien der Freiheit und der Verantwortung im Zeitalter der Globalität. Herauszuheben ist dabei insbesondere seine Arbeit als Herausgeber in den Humanism in Business Series.
Claus Dierksmeier wirkt auf dem Board of Directors von The Humanistic Management Network und als Academic Director von The Humanistic Management Center in Berlin. In beiden Organisationen sowie über eine zugehörige Facebook Plattform fördert er die Herausbildung eines neuen Paradigmas humanistischer Ökonomik. Er ist außerdem tätig als Strategieberater in Politik und Wirtschaft.

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