Für Mitglieder

rückblick

MÄRZ 2021 _ Onlline

CureVac - In der Zeitmaschine mit dem "Achterbahnexperten"

Impfluenzer im Livestream

Zwei Nachrichten vorneweg: Dr. Ingmar Hoerr geht es ein Jahr nach der Hirnblutung wieder so gut, dass er öffentlich auftreten kann. Und der Corona-Impstoff von CureVac soll noch im zweiten Quartal 2021 zugelassen werden. Bei der zweiten (Online-)Veranstaltung des Marketing-Clubs Neckar-Alb punktete der Tübinger Biotechnologie-Unternehmer mit Zuversicht. Christoph Koppensteiner warf ihm die Bälle zu. 

Locker und lächelnd gab sich Hoerr beim Termin in der Bisinger Artistic-Messehalle. Dabei verband der Begriff Druck die Episoden seiner über 20 Jahre umfassenden Geschichte, die mit dem unerwarteten Ergebnis eines wissenschaftlichen Kontrollversuchs im Rahmen seiner Doktorarbeit begann und zu einer "Fully Integrated Pharmaceutical Company" führen soll.

Die Arbeit mit RNA als Träger heilsamer Informationen ans Immunsystem "hat uns dazu gezwungen", ein eigenes Unternehmen zu gründen, denn der Botenstoff sei Ende der 90er-Jahre in der Pharmabranche in Vergessenheit geraten gewesen. Gentechnik, die Veränderung des Erbguts, habe damals im Fokus gestanden. Hoerr stellte sich und seinen Gründungskollegen Florian von der Mülbe, der immer noch im Unternehmen aktiv ist, als die klassischen Außenseiter dar, die sich mit einer neuen Idee zunächst schwer tun, Fuß zu fassen. Bei der Finanzierung der Erstausstattung habe eine unschöne Erfahrung mit eine sogenannten Business Angel zur Aufnahme von Privatkrediten geführt. Zur Hilfe kam die Kreissparkasse, die den Gründern aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation zutraute, die 100.000 Euro zurückzahlen zu können. "Wenn man wirklich gut ist, wird man einen Job finden," erklärte Hoerr selbstbewusst, warum das Risiko des Scheiterns für ihn keine Grund sei, es nicht zu probieren."Für uns gab es immer nur den Plan A."

Für das junge Unternehmen habe es aber zunächst einmal das harte Brot der Auftragsarbeiten aus der Industrie gegeben. Dazu habe man Vorgaben und Fristen einhalten müssen, "gefeiert haben wir nicht, wir standen immer unter Strom",  beteuerte Hoerr, dessen Unternehmen 2021 sein erstes eigenes Produkt auf den Markt bringt. Ob für ein Publikum vor Ort aus dem Satz "Wir sind kein mit Venture Capital gepampertes Start-up" ein wenig Neid auf bessere Bedingungen zu anderen Zeiten an anderen Orten herauszuhören gewesen wäre, muss dahingestellt bleben. Jedenfalls wies Hoerr beim Thema Gründungsförderung auf einige Missstände in Deutschland hin, wo die "Ignoranz hinter den großen Schreibtischen" herrsche und eher "Bullshit-Fragen nach Investoren-Netzwerken" gestellt würden, als sich auf Visionen einzulassen. "Es gibt Programme, aber nicht diese Kultur wie in den USA", verglich Hoerr die unterschiedlichen Ausgangslagen.

Den Standort Tübingen nahm Hoerr von der harschen Kritik aus, CureVac sei 2000 als erster und zunächst auch einziger Mieter in den Technologiepark Tübingen-Reutlingen eingezogen. Was die komplexen Regularien für den Aufbau einer eigenen Herstellung von pharmazeutischen Produkten betraf, sei man etwas unbedarft an sie Sache herangegangen, habe aber wichtige Fingerzeige vom Regierungspräsidium erhalten. Hoerr hob nicht nur in diesem Zusammenhang die Beharrlichkeit Florian von der Mülbes hervor, die 2006 dazu führten, dass CureVac den entsprechenden Zulassungsantrag stellen konnte und damit die Investition von Dietmar Hopp wirksam wurde.

Mit dem Einstieg des SAP-Gründers - etwas vom Grund aufzubauen postulierte Hoerr nebenbei alsseine definition von Unternehmertum - hatte CureVac ein Problem weniger: Geld. "Wir konnten zum ersten Mal nach unserem eigenen Programm fahren." Rückschläge blieben dennoch nicht aus, 2008 habe zwar eine Hautkrebs-Studie die weltweit erste Behandlung mit RNA gebracht, der medizinische Effekt habe sich jedoch nicht im erhofften Maße eingestellt. Was blieb, war die regulatorische Abgrenzung von Gentherapien, die ins Erbgut eingreifen, während RNA sich nach erfüllter Aufgabe in der Zelle rückstandslos abbaue. Auf 30 Mitarbeiter angewachsen, ging CureVac Kooperationen mit den Branchen-Schwergewichte Sanofi und Böhringer ein. "Das hat uns fast überfordert", erinnerte sich Hoerr an viele Vereinbarungen und "viele Meetings, in denen wir den Druck gespürt haben."

2015 eskalierte Bill Gates das Thema Druck auf eine völlig andere Stufe. In der von Hoerr mit Routine  und Genuss vorgetragenen Anekdote ging es um den fensterlosen Besprechungsraum neben dem Heizungskeller eines Pariser Hotels, den der Windows-Erfinder für den Roast auserkoren hatte. Der Microsoft-Gründer erschwerte die Testbedingungen zudem, indem er am Tag vor dem Treffen die Präsentation auf Papier bestellte. Statt den perfekten Vortrag zu üben, ging Hoerr auf die Suche nach einem geeigneten Copyshop. Am Ende kam es nicht nur zur Investition, sondern auch zu einer Mission für CureVac, die sich auch in der Vorgehensweise bei der Entwicklung des Corona-Impstoffs niederschlage. Die schnelle Verfügbarkeit sei der Treiber bei Biontech gewesen, doch "Haltbarkeit bei minus 70 Grad sind für Gates kein Thema". Wie auch bei einem anderen Projekt gegen Tollwut gehe es um die weltweite Handhabbarkeit des Mittels. CureVac habe deshalb die Produktion der erste Generation seines mRNA-Impstoffs übersprungen. 

Im Zusammenhang mit der Produktion von CureVac sei Druck ganz wörtlich zu verstehen, gab Hoerr einen Ausblick über die akute Pandemie hinus, wenn das Unternehmen Mittel gegen AIDS, Hepatitis oder zur Tumortherapie herstellen wolle. "Jeder Krebs ist anders" und der RNA-Printer der Schlüssel zu individualisierter Medizin. Hoerr entwarf dabei ein Bild, wonach künftig die RNA nach Rezept in der Apotheke in einem kompakten Gerät gedruckt wird. Dass die großen Anlagen jetzt schon zur Verfügung stehen, sei der Tatsache geschuldet, dass Leute wie Elon Musk "auf Visionen anbeißen." Als der Maschinenbauer Grohmann 2018 sich darauf konzentrieren musste, Qualitätsprobleme beim Auto-Hersteller Tesla abzustellen, sei CureVac ins Hintertreffen geraten, schilderte Hoerr die Kräfteverhältnisse im Rahmen dieser kooperation. Geholfen habe der an Musks Management gerichtete Satz: "Ihr fliegt zum Mars. Wie fiegen auch zum Mars." 

Die Balance der Branchen werde sich künftig zu Gunsten der Biotechnologie verändern, die das neue Automotive werde, mutmaßte Koppensteiner beim abschließenden Ausblick. Zu viel von der Zukunft mochte Hoerr indes gar nicht wissen oder zumindest nicht selbst erfahren: "Unsterblichkeit ist keine gute Vision", man quäle sich zu lange mit Defiziten herum.

Zum Video auf YouTube

© 2021 Marketing-Club Neckar-Alb e.V.